Kontaktlos Obdachlos?

Was bedeutet die Corona-Krise für obdachlose Menschen? Vor Corona gingen die Menschen in die Schule oder auf Arbeit, ins Fußballstadion, zum Shoppen oder zum Friseur; jetzt bleiben sie zu Hause, gucken Netflix und lernen Haareschneiden mit YouTube-Tutorials. Die Straßen sind wie leer gefegt, die meisten Läden geschlossen. Das Ordnungsamt hat mit einem rot-weißen Band die Spiel- und Sportplätze abgesperrt. Treffen mit Freunden auf der Straße oder zu Hause sind verboten. Was für Menschen mit einer eigenen Wohnung schon ein beklemmendes Gefühl ist, ist für jene, welche keine eigene Wohnung haben eine noch viel größere Herausforderung.

Es wird zwischen Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit unterschieden. Obdachlose haben weder Wohnsitz noch Unterkunft und müssen im öffentlichen Raum, in Parks oder Bahnhöfen übernachten. Wohnungslose haben zwar keinen eigenen Mietvertrag, übernachten aber entweder bei Freunden oder halten sich regelmäßig in kommunalen Einrichtungen, Notunterkünften, Flüchtlingsheimen oder in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe auf. In einem Land, in dem kein Mensch obdachlos sein muss, sind jedes Jahr mehr Menschen ohne Wohnung. Von 2014 bis 2018 stieg die Zahl der Wohnungslosen von 335.000 auf 678.000. Grund dafür sehen Experten in den steigenden Mieten und dem Mangel an Sozialwohnungen. Obdachlos sind Schätzungen zufolge derzeit 48.000 Menschen.

Die Bautzener Notunterkunft auf der Äußeren Lauenstraße 23 ist in diesen Tagen für obdachlose Menschen die einzige Zuflucht mit Chance auf soziale Teilhabe. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Außergewöhnliches und bieten denen, die sonst nicht viele materielle Dinge besitzen eine warme Stube, Essen und ein Bett. Im Normalfall hat die Einrichtung nur über Nacht geöffnet, sodass kein Mensch in Bautzen gezwungen ist, im Freien zu übernachten. Seit zwei Wochen ist jedoch 24 Stunden/ 7 Tage die Woche geöffnet. Denn was tun, wenn der Aufenthalt im Freien ohne triftigen Grund verboten ist? Kontaktlos leben? Für Menschen in der Obdachlosigkeit unmöglich. Und was bleibt, wenn sonst fast nichts ist? Der Wunsch nach Kontakt zu anderen Menschen. Denn der ist unbezahlbar und unglaublich wichtig – für jeden Menschen.

Die Kontaktbeschränkungen gelten nunmehr seit über zwei Wochen. Eine Vorsichtsmaßnahme, mit der Bund und Länder die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen wollen. Aber wo sollen Wohnungslose hingehen, wenn sie Angst haben müssen, sich in Sammelunterkünften anzustecken? Wie sollen Obdachlose leben, seitdem das öffentliche Leben stillsteht und viele soziale Einrichtungen geschlossen sind? Die Corona-Krise wirft existenzielle Fragen auf für die, die durch das Netz des Wohlfahrtsstaats gefallen sind und sich irgendwie eingerichtet haben in einem improvisierten System welches in diesen Tagen an seine Grenzen stößt.

Auch wenn es in Bautzen zum Glück die Möglichkeit gibt, in der Notunterkunft ein warmes Bett zu bekommen so ist es doch – insbesondere für junge Menschen – immer eine enorme Herausforderung, den Weg in die Notunterkuft zu wählen. Nicht nur der zwangsläufige Kontakt zu mitunter alkhol- und drogenabhängigen Menschen oder die erhöhte Gefahr ansteckender Hautkrankheiten ist dann für jene, die den Start ins selbstbestimmte Leben noch vor sich haben, nur schwer zumutbar. Aber Auch das verantwortungsvolle Führen einer eigenen Wohnung ist kein „Kinderspiel“ und muss (wie alles im Leben) erlernt und erprobt werden.

Wir müssen es deshalb auch in der Stadt Bautzen schaffen, jungen Menschen den Zugang zu eigenen Wohnraum zu ermöglichen UND bereits im Vorfeld sowie in Begleitung präventiv handlungsfähig für Menschen mit einem erhöhten Unterstützungsbedarf zu sein. An dieser Stelle müssen dringend Lösungen her – und das nicht erst seit der Corona-Krise.

Was es derzeit für einen jungen Menschen bedeutet auf der Straße zu leben, erfahrt ihr hier.

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